Mülheim Süd inklusive Hafen


Im Mülheimer Süden wurde Industriegeschichte geschrieben. Doch längst sind die dort ansässigen Werke stillgelegt, die großen Hallen verwaist und weite Teile des Geländes liegen brach. Aufgrund seiner zentralen Lage birgt das Areal mit dem Hafen stadtentwicklungspolitisch ein hohes Potenzial. Mit Respekt vor dem historischen Bestand und einer behutsamen Planungskultur soll das rund 70 Hektar große Gelände nun in ein vielfältiges, durchgrüntes und lebendiges Stadtquartier transformiert werden. Die Flächen sollen von Handel, Gewerbe, Dienstleistern, Kultureinrichtungen und sozialen Einrichtungen genutzt werden, und Wohnraum mit unterschiedlichen Wohnformen bieten. Von den rund 3.600 Wohnungen wird ein großer Teil öffentlich gefördert sein. Im Rahmen eines interdisziplinären Werkstattverfahrens wurde 2014 ein umfassendes Entwicklungskonzept sowie ein städtebaulicher Rahmenplan für den Mülheimer Süden entwickelt, der seitdem als informelle Grundlage für die weiteren Planungen dient.

Nie stand es zur Debatte, hier ein gänzlich neues Stück Stadt zu erfinden, vielmehr waren sich alle Beteiligten einig, dass den vorgefundenen Strukturen, den denkmalgeschützten Bauten, wie auch den dort derzeit lebenden und arbeitenden Menschen mit Respekt zu begegnen sei. Gleichzeitig bildeten die Forderungen des Hochwasserschutzes und der weitere Betrieb des Hafens als Schutzhafen und als Standort der Werft wichtige Parameter für die Planungen. Rheinseitig soll der Mülheimer Süden eine deutliche Stadtkante erhalten, der auch als Hochwasserschutz ein breiter Grünbereich vorgelagert wird. Insgesamt sind für das Gebiet einschließlich der Hafenmole und des Rheinboulevards entlang des Hafenbeckens rund 100.000 Quadratmeter öffentliche Grün- und Freiflächen mit ganz unterschiedlichen Qualitäten geplant. Für die weitere Entwicklung und Qualifizierung des Quartiers werden derzeit mehrere Bebauungspläne aufgestellt. In Teilräumen des Geländes umfasst die konkrete Planung nach Wettbewerbsentscheiden bereits den Hochbau.

Cologneo I

Weit fortgeschritten sind die Planungen für das Projekt Cologneo I auf dem ehemaligen Gelände der Klöckner-Humboldt-Deutz AG, welche westlich der Deutz-Mülheimer-Straße im Süden den Auftakt zum Gesamtprojekt bilden. Auf der Grundlage des von kadawittfeldarchitektur entworfenen Masterplans wird das Areal, in dem in den nächsten Jahren rund 480 Wohneinheiten und etwa 60.000 Quadratmeter Gewerbefläche in Neubauten und historischem Bestand wie den Waggonhallen, der Gummifadenfabrik und dem Eckigen Rundbau entstehen, neu erschlossen. Die Neubauten schreiben den in diesen Arealen prägenden industriellen Kanon von Farben und Materialien wie Stahl und Backstein fort. Die Freiraumplanung von FSWLA Landschaftsarchitektur verbindet die einzelnen Bausteine unter besonderer Berücksichtigung der industriellen Prägung und schafft gezielt Aufenthalts- und Spielräume. Neben den bestehenden Ateliers und Werkstätten sollen sich auch Gastronomie, Co-Working-Spaces und Start-Ups ansiedeln. Für die Versorgung der neuen Quartiere sowie der bestehenden Stegerwaldsiedlung ist ein entsprechendes Einzelhandelsangebot vorgesehen.

Cologneo II

Die städtebauliche Entwicklung eines gemischten Quartiers mit unterschiedlich gestalteten Stadtplätzen und Freiräumen wird im Gebiet Cologneo II nördlich der Bahntrasse fortgesetzt. Das Gebiet stellt in Verbindung mit dem bereits hergestellten Grünzug Charlier im Norden ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Quartier Cologneo I und der angrenzenden Stegerwaldsiedlung sowie dem Rheinufer dar. Entsprechend dem städtebaulichen Entwicklungskonzept soll eine weitere öffentliche Grünfläche von der Deutz-Mülheimer Straße unter der ICE-Trasse hindurch an den neu realisierten Rheinboulevard führen.

Zum Mülheimer Hafen wird mit dem Quartier eine neue Stadtkante gebildet, die mit den drei geplanten Hochpunkten akzentuiert wird. Zu der Bahntrasse ist die Anordnung von Gewerbe vorgesehen, um die Bahnbögen zu beleben sowie den Dialog der beiden Quartiere Cologneo I und II zu fördern. Eine Wohnnutzung ist, zum Hafen und zum Freiraum orientiert, vorgesehen. Unmittelbar am Grünzug und in direkter Nachbarschaft zur neuen Kita in der historischen Villa Charlier entsteht eine neue Grundschule für die benachbarten Quartiere.

Otto-Langen-Quartier

Das Otto-Langen-Quartier, ehemaliges Gießereigelände, ist geprägt durch das frühere Verwaltungsgebäude entlang der Deutz-Mülheimer Straße und den daran angrenzenden ehemals industriell genutzten Hallenkomplexen, die bis zum Auenweg reichen. Neben dem Verwaltungsgebäude steht ebenfalls die so genannte Möhringhalle inmitten des Plangebietes unter Denkmalschutz. Die Planung sieht vor, die Fläche zu einem lebendigen, gemischt genutzten Quartier mit hohem Wohnanteil und einer Neudefinition von Gewerbe-, Büro- und Dienstleistungsnutzungen sowie einer Kindertagesstätte, die teilweise in den Bestandshallen untergebracht werden sollen, zu entwickeln. Der Industriegeschichte dieses Ortes wird damit unter Berücksichtigung der erhaltenswerten Bausubstanz und der damit verbundenen identitätsstiftenden städtebaulichen Raumbildung in besonderem Maße Rechnung getragen. Rund um die Möhringhalle ist ein großzügiger Freiraum vorgesehen, der Blick- und Wegebeziehungen zum Hafengelände ermöglicht. Das geplante Wechselspiel von Neu- und Altbauten sowie der unterschiedlichen Nutzungsbausteine ermöglicht die Schaffung eines neuen urbanen Stadtquartiers, welches bis dato für die Öffentlichkeit nicht zugänglich gewesen ist.

Lindgens-Areal

Die Entwürfe zur Bebauung des Lindgens-Areals im Norden des Entwicklungsgebietes (trint + kreuder d.n.a) knüpfen als zeitgemäße Neuauflage der historischen Backsteinfassaden formal an die Industriebauten an. Geplant ist ein dichtes, mit einer Abfolge beschaulicher Innenhöfe gleichzeitig jedoch sehr offenes und durchlässiges Quartier, in dem viel historischer Bestand erhalten bleibt, herausgestellt und teilweise zeitgemäß ergänzt wird.

Deutz-Areal

Das Deutz-Areal soll für eine urbane Mischnutzung aus Wohnen und Gewerbe weiterentwickelt werden. Dabei werden bestehende Nutzungen wie das Hotel „The New Yorker“, Wohngebäude und einzelne Gewerbebetriebe in das Gesamtkonzept integriert. Alle denkmalgeschützten Gebäude werden erhalten und in Teilbereichen sinnvoll ergänzt. Die Planung sieht vor, die Wohnnutzung rund um den Grünzug Mülheim-Süd mit seinen vielfältigen Sport- und Freizeitmöglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger, zu konzentrieren. Mit dem Grünzug entsteht eine durchgängige Verbindung vom Rheinufer bis zum Mülheimer Stadtgarten und damit eine bedeutsame Grünvernetzung in Richtung Osten. Entlang der Bahntrasse sollen weniger lärmsensible Nutzungen wie Gewerbe, Parkhäuser oder auch Sporthallen für den geplanten Schulstandort im Quartier entstehen. Durch das Gebiet hindurch wird der Auenweg von der Deutz-Mülheimer-Straße bis zum Bergischen Ring verlängert und damit ein wesentliches Element zur Erschließung des Mülheimer Südens und zur Entlastung der Deutz-Mülheimer-Straße geschaffen. Hier entstehen Quartiersplätze mit unterschiedlichen angrenzenden Nutzungen wie Hotel, Wohnen, Dienstleistungsgewerbe, Gastronomie und einem Schulkomplex.


Planungsprozess

  • Werkstattverfahren Mülheimer Süden inklusive Hafen 2013–2014
  • Wettbewerbe für einzelne Baufelder
  • Aufstellung bzw. Änderung von fünf Bebauungsplänen
  • Sachstand Teilbereiche in Vorbereitung oder in Umsetzung

Beteiligte im Werkstattverfahren
BOLLES+WILSON GmbH & Co. KG (Münster) ksg kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH (Köln),LAND Germany GmbH (Duisburg), trint + kreuder d.n.a (Köln), BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung (Aachen), SAL Planungsgruppe GmbH (Münster), Thomas & Bökamp Ingenieurgesellschaft mbH (Münster)

Im Rahmen der Konkretisierung der Planung und Qualifizierung der einzelnen Plangebiete, Baufelder und Einzelvorhaben wurden weitere Planungsbüros im Prozess beteiligt.